Ego & SELBST

Das Persönliche und das SELBST

Um in der Welt des ganz normalen Wahnsinns mit all seinen Ungerechtigkeiten, all seinen schmerzvollen Erfahrungen wie zum Beispiel der beruflichen Kündigung, dem vom Partner Verlassen-Werden oder dem Tod eines eigenen Kindes klar zu kommen und wieder inneren Frieden zu finden, sollte man den Unterschied zwischen der Persönlichkeit und dem SELBST kennen.

Der menschliche Normalzustand ist dieser: Ich halte mich für eine Person mit einer Lebensgeschichte, mit Beziehungsstrukturen, mit Sehnsüchten und Ängsten. Ich erlebe mich als körperliches Wesen mit Bauch- und Zahnschmerzen, mit Gelüsten und Sehnsüchten und der Angst vor Krankheit und Tod. An all dies haben wir uns gewöhnt. Eine ernstzunehmende Geistesschulung wie Ein Kurs in Wundern aber stellt all dies infrage: Bin ich das wirklich? Diese Lebensspanne von einigen Jahrzehnten mit Freud und Leid? Was war vorher, was kommt danach und was bin ich jenseits all dieser vergänglichen Phänomene?

Der Zustand der Persönlichkeit basiert auf einer einzigen Idee: Trennung. Wir fühlen uns nicht nur voneinander getrennt und versuchen durch Beziehungen diese Trennung zu überwinden, sondern wir erleben uns auch von Gott, der Quelle des Höchsten, des ewigen Lebens getrennt. Die Geschichte der Religionen hat als zentrales Thema den Abfall von Gott und die (scheinbare!) Bestrafung durch Gott. Hier finden wir das erste Nein, das wir gesprochen haben, aber an das wir uns nicht mehr erinnern können: Es ist das Nein des Sohnes zum Vater und damit die Trennung von ihm. Es ist ein Bereich, der sich uns nur in mythischen Bildern erschließt wie Vater und Sohn, wie die Vertreibung aus dem Paradies, wie das Fallen Adams in einen Schlaf. Diese Fallbewegung führt in einen Traum und zu dem, was wir hier Leben und Welt nennen. Es ist nur eine Illusion, doch wollen wir sie als wirklich erleben und suchen in ihr nach Glück und Erfüllung, obwohl uns am Ende nur Siechtum und Tod erwarten.

So erleben wir diese Trennung in ihrer schmerzvollen Spiegelung hier auf Erden (und im sogenannten Jenseits ebenfalls!). Als ewig Hungrige und Verzweifelte laufen wir durch die Welt und suchen nach Objekten der Erfüllung: All die Spielzeuge wie Auto und Haus, Hobbys und Beziehungen, kulinarische Genüsse und Sex, Urlaub und beruflicher Erfolg – all das soll uns Glück und Frieden schenken. Doch wer genau hinschaut, der erkennt, dass unser Suchen und Ringen unerfüllt bleibt und wir Verzweifelte sind. Dann folgen Depression, Burnout und Neurosen bis Psychosen – am Ende vielleicht der Amoklauf, gespeist aus purer Verzweiflung, Wut und einem übergroßen Rachebedürfnis.

Die Persönlichkeit, das ist das Ego, der egomane Impuls: Gierig, taktierend, berechnend und mörderisch. Das ist die Wettbewerbsgesellschaft, die nur noch nach dem Profit strebt und ausbeutet, was ihr in den Weg kommt. Wer in diesem Zustand einem anderen Menschen begegnet, den beherrscht nur eine Fragestellung: Was wird er mir bringen, welchen Vorteil werde ich durch ihn haben? Die Persönlichkeit kennt nur Sieg oder Niederlage, geht Bündnisse ein, wenn es ihr nutzt. Sie vergleicht sich ständig mit anderen Menschen und sucht immer ihren Vorteil.

Jenseits des Persönlichen finden wir unser wahres Sein in Gott, das SELBST. Die Wahrheit ist: Wir haben als der eine GOTTESSOHN den VATER nie verlassen. Wir träumen nur davon, den Vater angegriffen und ihm das Leben geraubt zu haben. Dies ist der Urkonflikt aller Menschen, unser „kleines Problem mit der Liebe“. Das SELBST bin ich, das sind wir alle, denn wir sind kollektiv der eine SOHN GOTTES, der im VATER ist und davon träumt, ihn verlassen zu haben und nicht zurückkehren zu dürfen. Wir glauben an Schuld (den Angriff auf Gott) und an Strafe (die Rache Gottes). Aber all dies hat mit der Wirklichkeit GOTTES, des reinen GEISTES, nichts zu tun. GOTT weiß nichts von unserer Welt der Träume, für das HÖCHSTE haben Illusionen keine Bedeutung.

Insofern brauchen wir Hilfe und Heilung im Geist, nicht im Körper, nicht in der Welt, denn Körper und Welt sind die Folge des Urkonflikts in unserem Geist, der von der Trennung von Gott und dem Machen einer Welt träumt. Doch die Persönlichkeit – das Ego – will die Reparatur der Welt, denn Persönlichkeit und Welt sind ein und dasselbe. Wir haben mit unserem Nein zur Liebe den Virus der Trennung in unseren Geist eingelassen. Nun lebt dieser Virus in uns – wir dienen ihm als Wirt – und er steuert unser Leben, indem er die verrücktesten Befehle erteilt. Das Ego-Theater mit all den Schicksalsdramen bildet das Spielfeld des Egos. Die dualistische Spannung himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt nährt das Ego in uns. Und scheinbar genießen wir am Ende diesen Wahnsinn mit seinen triumphalen Jackpotgefühlen und selbstzerstörerischen Todesfantasien. Spannung und ständiger Psycho-Wechselstrom, das ist der Kern des Urschuldkonflikts, der die ganze Ego-Welt antreibt. Mit dem HIMMEL hat das alles nichts zu tun.

In der Geistesschulung geht es darum, diesem mörderischen Unsinn des Egos eine Absage zu erteilen und nicht mehr mitzuspielen. Stell Dir vor es ertönt ein Aufruf zum Krieg und du gehst nicht hin. Die Nichtreaktion auf die Angebote des Egos ist die beste und einzig sinnvolle Reaktion. EKIW nennt dies Vergebung (Ü.II.E-1.4:1-3 /Seite 402: „Die Vergebung ihrerseits ist still und tut ganz ruhig gar nichts. Sie kränkt keinen Aspekt der Wirklichkeit, versucht auch nicht, sie zu Erscheinungen, die ihr gefallen, zu verdrehen. Sie schaut nur und wartet und urteilt nicht.“)

Diese geistige Haltung aber muss geübt werden, wenn wir Frieden finden wollen. Und genau dazu dient uns das Klassenzimmer der Welt, denn jetzt ist die Welt durch die Hilfe, die uns im Kurs zuteil wird, einem anderen Zwecke zugeführt worden. Zunächst geht es darum, das Wirken des Egos zu studieren, um seine Strategien und Argumentationen genau zu kennen. Jede Form von Klage, Groll, Schmerz, Neid, Wut und Angst ist Ausdruck des Ego-Programms auf unserer „Festplatte“. Bedenken wir: Die Festplatte und die Energie für den Betrieb stellen immer wir selbst zur Verfügung, doch entscheiden wir, ob das Programm des SELBST (HEILIGEN GEISTES) oder das des Ego läuft. Wir sind der Beobachter und Entscheider, der eine falsche (Ego) oder wahre Identität (SELBST) wählt. Mehr Möglichkeiten als Illusion oder WAHRHEIT gibt es nicht.

In der Verstrickung mit dem Ego ist es völlig normal, dass wir unglückliche, uns und andere verletzende Entscheidungen treffen. Tragisch ist nur, wenn wir dies nicht bemerken und immer so weiter machen: Tag für Tag, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Inkarnation für Inkarnation. Lösend und heilend aber wirkt der ruhige Blick auf die eigenen unglücklichen Entscheidungen, ohne sich selbst dafür zu verurteilen. Wer zusammen mit Jesus als dem wohl größten Symbol für die LIEBE des VATERS auf seine egomanen Verstrickungen und auf die der anderen Menschen schaut, der kann nicht mehr angreifen und urteilen. Er beginnt zu verstehen, dass er in der Gefangenschaft des Egos unfrei war und nicht anders handeln konnte. Denn frei zu lieben ist nur derjenige, der die Vergebung sich selbst gegenüber wählt und damit sein wahres SELBST zu erfahren beginnt. Das ist die mystische Dimension von EKIW, die sich uns eröffnet, wenn wir den Selbsthass überwunden haben.

Tief in uns haben wir nämlich nur einen einzigen Konflikt: Unser Nein zur LIEBE des VATERS. Für dieses Nein hassen wir uns – aber: Dies ist ein unbewusster Konflikt, denn das Ego umhüllt ihn mit Vergessen und verlagert den Urkonflikt (Ebene-1) auf die zwischenmenschliche Ebene (Ebene-2). Deshalb fielen wir in die Dimensionen der körperlichen Welt: Wir sollten den Urkonflikt nicht mehr bewusst anschauen können (denn dann hätten wir den Trennungsgedanken möglicherweise sofort aufgegeben und wären sofort in den reinen GEIST zurückgekehrt – obwohl wir IHN nie wirklich verlassen haben!).

Körper (Formen) manifestieren die Trennung und haben für das Ego-Spiel den großen Vorteil der Schuldprojektion. So inszeniert das Ego in uns allen das perfide Drama der Schuldverschiebung. So wird der Selbsthass zum Hass auf den anderen Menschen. Immer ist es der andere, der meine Erwartungen und Bedürfnisse nicht erfüllt hat, immer ist er es, der mir den Frieden geraubt hat. Wenn ich also leide, so die Ego-Logik, verdient er die Strafe, soll er für die Schuld büßen. Diese Sündenbock-Strategie ist der Kern aller Dramen in unserer Welt. Wir lieben dieses Spiel, weil es scheinbar den Konflikt mit Gott löst. Man suche nur nach den Schuldigen und richte sie (oder lasse sie richten durch einen rächenden Gott), und schon geht es einem wieder gut, man fühlt sich rechtschaffen und frei. Doch das eigentliche Problem ist weder verstanden noch angeschaut oder gar gelöst worden: Unser Problem mit der LIEBE, mit GOTT (Ebene-1).

Der übergroße Wert und Segen von EKIW liegt in der Offenlegung dieser geheimen Ego-Dynamik. Wer sie verstanden hat, der hält den Schlüssel zur Befreiung in seinen Händen. Die Geistesschulung will uns in die Ebene-1 zurückführen, will uns bewusst machen, dass wir Geist sind und ein geistiges Problem haben, welches sich in der Welt der Formen spiegelt und welches nur auf der Ebene des Geistes gelöst werden kann. Das Ego liebt die Verwechslung der Ebenen, wenn die Ursachen-Ebene (Ebene-1, mein Geist) und die Wirkungsebene (Ebene-2, mein Körper in der Welt) vertauscht werden. Dann sind andere körperliche Wesen für meinen Frieden oder Unfrieden verantwortlich, dann bin ich Opfer und habe keine Verantwortung für die eigentlich von mir gesetzten Ursachen zu tragen.

Das Ego ist der Gedanke der Trennung. Und so wiederholt es immer nur dieses eine Trennungsprogramm und spaltet sich auf unserer inneren Festplatte in ein Täter- und ein Opfer-Selbst auf. Wir bevorzugen in der Regel das Opfer-Selbst, weil wir das Gefühl von Unschuld (und die Projektion der Schuld auf andere) erleben wollen. Doch geht es in Wahrheit nur um die Übernahme der Verantwortung für eine einzige Entscheidung, die wir alle kollektiv getroffen haben: Unser Nein zur LIEBE, zum VATER. Ist das geschehen, dann können wir die große Umkehr mit der Hilfe der Geistigen Welt vollziehen. Wir brauchen Hilfe, dringend, aber sie kann nicht aus der Welt kommen sondern nur in unserem Geist erfahren werden.

Die Analyse unserer persönlichen Dramen können wir uns angesichts der dargestellten Ego-Dynamik schenken. Sie wäre nur ein weiteres Ablenkungsmanöver des Egos, das uns an die Formenwelt binden will, um uns geistlos zu machen. Insofern fragen manche, was die leidvolle Situation, die ich als Mensch gerade erleben mag, mit mir zu tun hat. Man spricht gern vom Spiegel, in den geschaut wird. Auf der einen, der persönlichen Ebene, kann ich dann nur sagen:

Ich sehe immer nur mich, auch das bin ich, ich habe dieses egomane Potenzial auch in mir und da will ich Schmerz und Tränen erleben, weil ich auf dieser Ebene der Verwirrung an Schuld und Trennung glaube und nicht weiß, wie ich in die LIEBE zurückfinden kann. Da erlebe ich noch mal einen Schicksalsfilm, der offenbar ablaufen muss…

Auf der anderen Ebene, der Ebene des SELBST aber sage ich: Das hat alles nichts mit mir zu tun, es betrifft mich nicht und macht insofern auch nicht betroffen. Hier, im SELBST, bin ich schmerzfrei, ohne Groll, ohne Zorn, ohne Angst. Hier habe ich Mitgefühl mit denen, die meine Person angreifen. Hier sehe ich ihre Not, ihre Verblendung, ihren Wahn. Sie sind nicht frei zu lieben, wenn sie „persönlich“ agieren. Sie sind Gefangene des Egos, verzweifelt und voller Angst.

Auf der Handlungsebene innerhalb dieser Welt gilt nun aus der Sicht der Geistesschulung dies: Ich nehme den anderen Menschen in seinem Egowahn ernst und muss mir nicht alles gefallen lassen. Ich darf die Polizei rufen, wenn mein Leben bedroht ist. Ich darf mit ihm vor Gericht stehen und ein weltliches Urteil einfordern. Ich darf nein sagen und muss dies zum Wohle des anderen Menschen auch tun, um seinem Lernprozess zu dienen. Denn wäre ich in seiner Lage, würde ich – aus höherer Sicht – mir auch einen Menschen wünschen, der mir Grenzen setzt.

Das Erwachen aus dem Traum dieser Welt ist in der Regel mit großen seelischen Schmerzen verbunden. Unter größtem Ego-Druck wächst die Chance enorm, dass wir dem Spiel des Egos ein Ende bereiten, ihm eine Absage erteilen und uns dem GEIST hingeben. Die wenigsten Sucher haben das Ziel absoluter geistiger Klarheit locker und ohne große Schmerzerfahrung erreicht.

Was ist nun die heilsame Haltung? Ich nehme die Geistesschulung ernst und bleibe täglich dran. Ich gehe in die Stille, beobachte meinen Geist und erkenne die mörderischen Impulse des Egos: Von der Eitelkeit über die Genusssucht bis hin zu den Rachegelüsten. All das ist Ego, ist Person, hat mit dem Körper und mit der Welt zu tun. All das muss ich loslassen, wenn ich inneren Frieden will. Für all das vergebe ich mir.

Zum Schluss noch ein Wort zur Welt der Formen (Ebene-2). Wir erwarten immer wieder eine perfekte Welt, perfekte gesunde Körper, perfekte Beziehungen, in denen alle gemeinsam friedvoll unter einem Weihnachtsbaum sitzen. Doch das ist nicht möglich und im Ego-Programm auch nicht vorgesehen. Das Ego lebt von einer zerstörerischen Spannung, nicht von himmlischer Harmonie. Und die Welt der Formen steht für das Ego, sie ist ein Symbol der Trennung und ein Angriff auf Gott. Sie ist ein Ort des Krieges, des Elends und des Todes. Aber das Ego liebt unsere naiven Hoffnungen auf den großen Weltfrieden – frei nach dem Motto: Suche, aber finde nicht. Wer in der Ebene-2 stecken bleibt, der muss scheitern, auch wenn zeitweise Schein-Erfolge gefeiert werden. Der Welt schenke ich kein Vertrauen, dem GEIST aber mein volles Vertrauen. Dort allein ist FRIEDEN, dort will ich suchen, in stillen Stunden darum ringen. Die Geistige Welt hat meine Sehnsucht nach Heilung erhört und darf und soll nun in mir wirken.