Die transpersonale Aufstellung

Ein Ideal ist ohne die Integration seines Gegenteils, des Schattens, blanke Brutalität. Wirkliche Geistesschulung integriert und Überwindet den Schatten.

 

Seit 2007 ist für mich zur Aufstellungsarbeit, welche ich seit 1996 durchführe, die Geistesschulung Ein Kurs in Wundern (EKIW) hinzu gekommen. Dieses spirituelle Lehrwerk hat mir einen Zugang zum Ursprungskonflikt aller menschlichen Konflikte eröffnet. Wir haben es mit der eigentlichen Metaebene zu tun, in welcher der Urimpuls für die uns bekannte leidvolle Welterfahrung entspringt. Wie es der amerikanische Schriftsteller William Faulkner treffend sagte: Das menschliche Herz, im Konflikt mit sich selbst, ist das Einzige, worüber es sich zu schreiben lohnt. (Nobelpreisrede 
W. Faulkner)

An einem Fallbeispiel werde ich im Folgenden die transpersonale Aufstellung verdeutlichen und die spirituelle tiefenpsychologische Dimension herausarbeiten.

Eine Teilnehmerin meiner Fortbildungsgruppe berichtet von Angstsymptomen. Immer, wenn sie ein Messer sieht, beschleichen sie unerträgliche Ängste, dass sie mit dem Messer etwas Schlimmes anrichten könnte. Sie fühlt diese Impulse aber als nicht zu sich gehörend, sondern wie etwas, das sie anspringt. Seit vielen Jahren quält sie beim Anblick von Messern die Angst, eine schlimme Tat, letztlich einen Mord, begehen zu können. Auf meine Frage, wer in ihrer Familie ermordet wurde, berichtet sie von Gerüchten, dass einige Generationen zurück ein Mann umgebracht worden sein soll. Genaues aber weiß sie nicht.

Wir gehen in die Aufstellung: Sie stellt sich selbst, diesen (unbekannten) Mann und den Täter/die Täterin auf. In der Stellvertreterin für die Klienten kommt es zu keiner wirklichen Reaktion. Ich nehme die Klientin selbst in ihre Aufstellungsposition, auch sie reagiert so gut wie nicht auf das Bild von Täter und Opfer. Da nehme ich eine weitere Person in die Aufstellung. Sie stellt das Messer dar und ich positioniere sie vor dem Täter und dem Opfer. Jetzt kommt in der Klienten Angst, ja Panik auf. Sie rennt von den aufgestellten Personen weg in eine Ecke des Raums und würde am liebsten den Raum ganz verlassen und sagt, dass sie das nicht ertragen könne. Ich gehe auf sie zu, nehme sie bei der Hand und lasse sie ganz auf mein Gesicht schauen, um die Panikattacke zu unterbrechen. Sie beruhigt sich und ich bitte sie, mit mir das Geschehen zwischen Täter und Opfer sowie das Messer anzuschauen. Nach einigem Widerstand willigt sie ein. Ich sage ihr, dass sie bei mir sicher ist. Etwas später stelle ich an meine Stelle einen Engel, ein für sie fassbares Symbol für Hilfe, Heilung und Frieden. Nun kann sie halbwegs ruhig aus einiger Entfernung auf die Konstellation Täter-Opfer-Messer schauen.

Dann beginnt sie zu argumentieren, dass all das doch nicht zu ihr gehöre, der „mörderische Brief sei bei ihr an der falschen Adresse“. Hier beginnt nun der Prozess der transpersonalen Aufstellung. Allein ihr vehementer Widerstand gegen das Geschehen („Damit habe ich doch nichts zu tun!“) verrät, dass auch sie glaubt, in Verbindung mit mörderischen Kräften zu stehen und sich vor genau dieser Vorstellung fürchtet, denn sie hält sie für real. Und „real“ ist für uns im subjektiven Rahmen all das, was wir als emotional verbindlich erleben. Dies aber sagt nichts über eine metaphysische absolute (andere) Wahrheit aus, denn mit ihr ist der Mensch so ohne weiteres nicht in Verbindung.

Die Geistesschulung EKIW geht davon aus, dass es nur einen GOTTESSOHN gibt, der wir kollektiv alle zusammen sind. Als Einer träumen wir aber von der Trennung von GOTT (der QUELLE, dem wahren LEBEN im GEIST), und dieses Trennungs- oder Spaltungsprogramm konstituiert unser Leben als getrennte Menschen in Körpern auf Erden. In Wahrheit aber sind wir auf der geistigen Ebene alle absolut verbunden. Im Familienstellen spricht Bert Hellinger von der unbewussten Teilhabe am Schicksal aller Familienmitglieder, was bedeutet, dass alle geistig verbunden sind. Dies dürfen wir nun ausdehnen und von der Teilhabe am Schicksal aller Menschen sprechen. Wir scheinen auf der Ebene des Gestalthaften „Viele“ zu sein, aber im Geist sind wir Eins. Wir alle tragen den Fall Adams in uns, wir sind am Ende dieser Adam („der Mensch“).

Der Druck der Schuld („Sünde“), der mit dem Fall aus der EINHEIT im GEIST (mit GOTT) entsteht, führt zur Dynamik der Abspaltung und Projektion: Wir wollten vergessen, dass wir zur EINHEIT nein gesagt haben und „individuell und besonders“ sein wollten. Doch gerade diese Individualität führt zur Schulderfahrung, zum Schuldig-Werden am Anderen. Ich betrete einen Raum und sage „Ich“ (die Kriegser-klärung an das Du), das Du vor mir erlebe ich als getrennt von mir: Das bin nicht ich, mit ihm habe ich nichts zu tun, die Schuld muss bei ihm liegen. Der Andere, auf den ich reagiere, wird zu meiner Projektionsfläche von Schuld. Es darf hier eingeschoben werden: Die Schuld ist fiktiv, sie ist ein Glaube, so wie die Trennung von und der Fall aus der Einheit mit GOTT ein Glaube ist (eine neurotische wenn nicht gar psychotische Zwangsvorstellung).

Zurück zur Aufstellung: Ich lade die Klientin ein, ruhig auf das Geschehen zu schauen. Sie bittet nun den Engel, gemeinsam mit ihr in Liebe auf Täter und Opfer sowie auf das Messer (als Symbol für den Mord) zu schauen. Dann soll sie einen Lösungssatz sprechen, der die Distanzierung der Klientin von Täter und Opfer auflöst. Sie schaut Täter und Opfer an und sagt: Das hätte mir auch passieren können. Jetzt kommt sie in Kontakt mit der verdrängten Schattenseite in sich. Es fällt ihr nicht leicht, diesen Satz auszusprechen. Ich formuliere bewusst den Konjunktiv „hätte“, um der Klientin noch eine Schutzdistanz zu ermöglichen. Denn menschlich sehr natürlich verurteilt sie die Tat, die sie da draußen zu sehen glaubt. Das Ganze aber spielt sich nur in ihrem Geist ab, doch sie will die Projektion nach draußen aufrechterhalten, um sich unschuldig fühlen zu können: Der Wunsch nach Abgrenzung, nach Trennung von den bösen Anderen dominiert ihren Geist. Doch gerade dieser Wunsch verstärkt ja paradoxerweise das „Böse“ (die Schuld) in ihr.

Im nächsten Schritt gehe ich weiter und lasse sie folgenden Satz sprechen: Mir ist das auch schon passiert. Ich habe das auch erlebt. Jetzt durchbreche ich mit diesem Satz die Distanzierung und erst dadurch lässt die Spannung und Angst in der Klientin nach. Und sie kann dem Satz plötzlich zustimmen, denn sie spürt zu ihrer Über-raschung die Erleichterung. Das dualistische Spannungsfeld zwischen „gut und böse“ und „Schuld und Unschuld“ bricht in sich zusammen.

Ein weiterer Satz beim Anblick von Täter und Opfer kann nun sehr hilfreich sein: Ich gebe Euch beiden einen Platz in meinem Herzen. Im GEIST der LIEBE (GOTTES) sind wir alle geheilt.

Mit diesen Schritten anerkennt die Klientin den Schatten in ihrem eigenen Geist, und dadurch beginnt er sich aufzulösen, denn in Wahrheit hat es ihn nie gegeben. Das GRÖSSERE, die WIRKLICHKEIT des GEISTES, beginnt in ihr zu leuchten und zu einer gefühlten Erfahrung zu werden.

Dies ist der Kern der Heilung. EKIW spricht von Vergebung, welche nur still schaut und nicht auf die Phänomene der Illusionswelt reagiert: Die Vergebung ihrerseits ist still und tut ganz ruhig gar nichts. Sie kränkt keinen Aspekt der Wirklichkeit, versucht auch nicht, sie zu Erscheinungen, die ihr gefallen, zu verdrehen. Sie schaut nur und wartet und urteilt nicht. (Übungsbuch.II.E-1.4:1-3 /Seite 402)

Die Aufstellung kann dann mit einem letzten Satz und Blick auf das Geschehen abgeschlossen werden: Das hat alles keine Bedeutung, ich wähle die WAHRHEIT und nichts als die WAHRHEIT, für mich und für alle.

Die Klientin entspannt sich, die Angst löst sich auf und sie kann sich gelassen vom Täter-Opfer-Geschehen wegdrehen und nach vorn ins freie Feld schauen. Sie staunt über die Wirkung der vollzogenen Schritte. Täter und Opfer sowie das Messer sind bedeutungslos geworden, weil der Urschuldkonflikt durch die Rücknahme der Projektion („Mir ist das auch schon passiert“) in diesem Aspekt der Erfahrungswelt der Klientin geheilt worden ist.

Nach einigen Wochen kommt die Fortbildungsgruppe wieder zusammen, und die Teilnehmerin berichtet, dass der Konflikt völlig aufgelöst ist. Sie hat beim Anblick von Messern keine Angstgefühle mehr, es ist ganz erstaunlich und unfassbar für sie.

Der Schlüssel der Heilung liegt im Anschauen des Konflikts (Angst vor Messern) und in der Rücknahme der Schuld-Projektion („Damit habe ich nichts zu tun, es sind die Anderen“). So wird der einst projizierte Schatten integriert und aufgelöst.